Die Erörterung – Ein Schulaufsatz mit sieben Siegeln? – Teil 2

Zwei Strategien

Nun saß Manuel mir also gegenüber – ein recht eloquenter Schüler (17 Jahre, BMS) und entschuldigte sich eingangs recht förmlich, dass er meinem Arbeitsauftrag, einfach über irgendetwas zu schreiben, nicht nachkommen konnte. Er hatte das Mail gestern erst um 11 Uhr abgerufen. Das Unterfangen, den Jungen in die Geheimnisse der Erörterung einzuweihen, gestaltete sich als gar nicht schwierig. Das Arbeitsblatt mit den Grundlagen einer Erörterung (Download hier) erwies sich als hilfreich und wir erläuterten die sieben Punkte gemeinsam näher.

Wir einigten uns darauf, dass der Junge bis heute einen Aufsatz über Zivilcourage schreibt. Ich formulierte die Fragestellung folgendermaßen: “Lohnt sich Zivilcourage?”

Die größte Angst Manuels sei es, über kein ausreichend spezifisches Wissen zu einem gewählten Themenkreis zu verfügen.

“Wenn ich keinen Dunst von dem Thema habe, soll ich dann einfach irgendetwas erfinden?”

Ich ermutigte ihn und bekräftigte, dass dies nicht der Fall sein werde. Er könne hier zwei Strategien anwenden, die ich im heutigen Beitrag näher beleuchten möchte:

  • Die E-R-Strategie (Emotionalisierung-Rationalisierung): Wenn du kaum Informationen zu einem Thema hast, versuche die Fragestellung emotional, “aus dem Bauch raus”, zu beantworten. Du beobachtest eine Schlägerei vor deiner Disco? Was bewegt dich dazu, dich einzumischen und was spricht dafür, das lieber “sein zu lassen”. Notiere die Gefühle und versuche, diese Inhalte auf der kognitiven Ebene in rationale Argumente zu transformieren. Letztere möchte dein Lehrer von dir lesen!
  • Die Strategie der antagonistischen Personalisierung: Finde Extremstandpunkte und stell dir Persönlichkeiten, welche diese quasi als Antagonisten verkörpern, vor. Das wäre auf der einen Seite etwa der Egoist (“was juckts mich? – bringt mir das was?”) und auf der anderen Seite der Altruist (“ich muss mich auch gegen mein eigenes Wohl engagieren”). Natürlich lassen sich aus dieser visualisierten Situation heraus weitere Persönlichkeiten (der Wichtigtuer, der Angsthase, …) entwickeln. Das Wesentliche bleibt, dass alle diese inneren Persönlichkeiten Argumente hervorbringen, die der Schüler festhalten kann und für seinen Aufsatz nutzen.

Ich freue mich über Ihre Rückmeldungen, was diese Anregungen anbelangt. Sehen wir es relaxt: Wird sich der Junge die Mühe geben, den Aufsatz tatsächlich zu schreiben? Was denken Sie?

Falls Sie Tipps für uns parat haben oder sich als Musteraufsatzschreiber bemüßigt fühlen, zögern Sie nicht, ich freue ich mich über Kommentare! 🙂

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